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28.01.2013·11:00·Die Nationalmannschaft ·DFB.DE EXKLUSIV

Nino Flohe über Vater Heinz: "Wir sind nicht hoffnungslos"

Nino Flohe: "Es ist schwierig"  © privat
Nino Flohe: "Es ist schwierig"

Deutscher Meister mit dem 1. FC Köln, im selben Jahr DFB-Pokalsieger - das Double 1978. Dazu 39 Einsätze für die DFB-Auswahl, Weltmeister 1974. Heinz Flohe hat als Fußballer beinahe alles erreicht. Heute feiert er seinen 65. Geburtstag. Viel mitbekommen wird er von seinem Ehrentag aber wahrscheinlich nicht. Denn der frühere Mittelfeldspieler liegt seit fast drei Jahren im Wachkoma. Nach dem Besuch der Eröffnung eines Boxcenters in Köln im Mai 2010 war er zusammengebrochen, Herzstillstand. Seitdem ist er nicht mehr aufgewacht.

Echte Freunde halten zusammen. In guten wie in schlechten Zeiten. Viele ehemalige Weggefährten Heinz Flohes werden ihn heute im Rehazentrum in Düren besuchen. Sie werden zu ihm sprechen. Sie werden ihm alte Geschichten erzählen. Sie werden versuchen, irgendwie zu ihm durchzudringen.

Natürlich ist dann auch Flohes Sohn Nino da. "Es ist eine unglaublich schwierige Situation für uns alle", sagt er im Interview mit DFB-Mitarbeiter Sven Winterschladen. "Wir hoffen jeden Tag, dass er wieder aufwacht. Aber sehr wahrscheinlich ist das leider nicht." Der 42-Jährige ist sozusagen in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Seit Ende des vergangenen Jahres unterstützt er die Nachwuchsabteilung des 1. FC Köln.

DFB.de: Nino Flohe, heute wird Ihr Vater 65 Jahre alt. Wie gehen Sie mit der Situation um, dass er im Wachkoma liegt?

Nino Flohe: Es ist schwierig. Im Mai wird uns dieses Schicksal seit drei Jahren begleiten. Aber wir sind nicht hoffnungslos. Vielleicht wacht er irgendwann auf und sagt: "So, können wir jetzt nach Hause fahren?" Das hat es alles schon gegeben. Es gab Fälle, da sind die Patienten plötzlich nach fünf Jahren wieder da gewesen. Von heute auf morgen. Allerdings sind wir natürlich auch nicht blauäugig: Dass das so läuft, ist eher unwahrscheinlich. Auch wenn mein Vater schon immer ein Kämpfer war.

DFB.de: Wie geht es Ihnen, wenn Sie ihn in der Reha besuchen fahren?

Flohe: Ich fahre noch immer gerne hin. Ich freue mich, dass er noch da ist. Auf dem Rückweg jedoch geht es mir manchmal nicht so gut, dann bin ich oft niedergeschlagen. Es gibt Tage, da scheint er zu reagieren, wenn ich ihm zum Beispiel die Hand auf die Schulter lege. Oder wenn ich zu ihm sagen: "Wie geht es dir heute, Paps?" Da hat man das Gefühl, er schaut einen an. Aber manchmal bekommt er offensichtlich gar nichts mit. Das ist schon traurig. So kannte ich ihn vorher nicht. Er hat immer seine Freiheit geliebt.

DFB.de: Werden Sie den Geburtstag heute feiern?

Flohe: Ja, natürlich. Meine Mutter macht dort Kaffee und Kuchen. Ich habe frei und werde mittags hinfahren. Vergangenes Jahr haben ihn viele ehemalige Weggefährten wie Stephan Engels, Hannes Löhr, Bernd Cullmann, Jürgen Glowacz und Wolfgang Overath besucht. Das war toll. Mein Vater hatte einen guten Tag. Es schien fast so, als würde ihm das gut gefallen. Ich gehe davon aus, dass auch heute einige vorbei kommen werden.

DFB.de: Welche Erinnerungen haben Sie an den schicksalhaften Tag im Mai 2010?

Flohe: Es war ein Dienstag. Als ich von der Arbeit nach Hause kam, hat es in Strömen angefangen zu regnen. Ich war damals noch Trainer des Euskirchener TSC und war ständig am Telefonieren, weil einige wichtige Entscheidungen getroffen werden mussten. Irgendwann kam meine damalige Freundin vorbei und sagte mir, dass meine Mutter versuchen würde, mich zu erreichen. Mein Vater sei ins Krankenhaus eingeliefert worden. Ich war natürlich überrascht. Aber ich habe dieser Sache keine so große Bedeutung beigemessen. Heinz hatte schon häufiger Herzprobleme und war deshalb im Krankenhaus, bestimmt sieben- oder achtmal. Erst als ich ihn am nächsten Tag in der Uniklinik besucht habe, ist mir das ganze Ausmaß bewusst geworden. Es sah schlimm aus, wie er dort auf der Intensivstation lag und überall am Körper Schläuche hatte. Eigentlich wollten wir donnerstags zum Länderspiel Deutschland gegen Malta auf den Aachener Tivoli fahren. Das hatten wir uns vorgenommen. Wir waren von Egidius Braun eingeladen worden. Heinz wollte unbedingt das neue Stadion dort sehen. Daraus ist leider nichts geworden.

DFB.de: War Ihnen schon als Jugendlicher klar, dass Ihr Vater einer der besten deutschen Fußballer war?

FC-Legende: Heinz Flohe, Doublesieger '78  © Bongarts/GettyImages
FC-Legende: Heinz Flohe, Doublesieger '78

Flohe: Als ich noch klein war, war mir das noch nicht richtig bewusst. Aber spätestens, als ich mit sechs oder sieben Jahren selbst begonnen habe zu kicken, hat sich das geändert. Mein Vater war immerhin Doublegewinner mit dem 1. FC Köln und 1974 Weltmeister mit der DFB-Auswahl. Er ist eine Art Vorbild für mich. Später war ich regelmäßig mit im Stadion. Ich durfte ganz nah dran an meine Idole. Als ich als Zehnjähriger mit Toni Schumacher eine Trainingseinheit absolvieren durfte, ist ein Jugendtraum in Erfüllung gegangen.

DFB.de: War das Verhältnis zu Ihrem Vater immer so gut?

Flohe: Nein, es war nicht immer leicht. Als ich in der Pubertät war, sind wir schon das ein oder andere Mal aneinander geraten. Es gab auch klare Ansagen von seiner Seite. Aber ich habe immer zu ihm aufgeschaut. Er ist nicht nur mein Vater, er ist auch einer meiner besten Kumpels. Er hat sich immer liebevoll um mich gekümmert. Ich glaube, dass er mit seinen Erziehungsmethoden nicht falsch gelegen hat. Ihm war es wichtig, mir Dinge wie Respekt, Besonnenheit und Höflichkeit mit auf den Weg zu geben. Das habe ich verinnerlicht.

DFB.de: Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie diesen Mann heute teilnahmslos im Bett liegen sehen?

Flohe: Ich versuche, aus jedem Besuch das Beste mitzunehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er etwas mitbekommt. Das sind die großartigen Augenblicke, die Hoffnung machen. Wenn ich alleine bei ihm bin, lese ich ihm Dinge vor, die ihn früher interessiert haben. Das können Artikel aus dem DFB-Journal sein, aber auch aus dem Kölner Stadt-Anzeiger oder anderen Publikationen, die er regelmäßig konsumiert hat. Überhaupt versuchen wir, vieles aus seiner Vergangenheit bei den Besuchen einzubringen. In seinem Zimmer hängen Trikots, Schals, Wimpel vom FC. Auch Erinnerungen an seine Zeit als Nationalspieler. Er hat doch den Fußball geliebt. Wenn er wieder aufwacht, wird er ihn noch immer lieben. Davon bin ich überzeugt. Es war sein Leben. Vielleicht dringt irgendetwas davon in sein Bewusstsein vor. Wir wissen es nicht, aber wir hoffen es. Man kann einfach keine Prognose abgeben.

DFB.de: Wie gehen Sie persönlich mit dem Schicksal um?

Flohe: Es ist eine komplizierte Situation für meine Mutter und mich. Wir leiden mit meinem Vater. Aber wir müssen auch unser Leben weiterleben. Natürlich muss man immer damit rechnen, dass das Telefon klingelt und es eine Neuigkeit aus der Reha gibt. Das können schlimme Informationen sein, aber eben auch gute. Ich persönlich versuche, wieder Normalität in meinen Alltag zu bringen, so weit es geht. Ich gehe wieder arbeiten. Seit Ende des vergangenen Jahres darf ich in der Nachwuchsabteilung des 1. FC Köln etwas mithelfen. Ich war ja fünf Jahre sehr erfolgreich beim Euskirchener TSC verantwortlich. Wir sind aus der Bezirksliga in die Verbandsliga aufgestiegen. Aber am Ende war es zu zeitintensiv. Deshalb habe ich dort aufgehört.

DFB.de: Treten Sie also beim 1. FC Köln in die Fußstapfen Ihres Vaters?

Flohe: Das wird mir nicht gelingen. Dafür war er viel zu erfolgreich, er ist eine Legende dort. Aber er wäre sicher stolz, wenn er mitbekommen würde, dass ich dort mithelfen kann. Wir lieben beide den 1. FC Köln. Vielleicht wird er irgendwann wieder wach. Leider weiß das niemand. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

[sw]

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