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18.01.2013·11:00·Aktionen ·DFB.DE SPEZIAL

Faszination Groundhopping: Mehr als nur Fanleidenschaft

In 56 Ländern schon Fußball gesehen: Gruszecki  © dpa
In 56 Ländern schon Fußball gesehen: Gruszecki

Im Stadion, vor dem Fernseher, vor dem Radio. Auswärts, zu Hause. Mit und ohne Fanschal. In der Bundesliga, in der Kreisliga, bei der Nationalmannschaft. Wo Fußball gespielt wird, finden sich Fans. Das Fan-Sein hat viele Facetten und Gesichter, DFB.de zeigt sie im Rahmen seiner Fan-Serie aus den unterschiedlichsten Perspektiven.

Die Themenwoche bildet den Auftakt einer Fan-Serie auf DFB.de, die künftig jeden Donnerstag mit einem neuen Teil erscheint. Heute im Fokus: Jan-Henrik Gruszecki und die Faszination Groundhopping.

Not macht erfinderisch. Und sie macht leidensfähig. Für das Derby in Edinburgh zwischen den Hearts und den Hibs ließ sich kein Ticket mehr auftreiben. Nicht beim Verein, nicht auf dem Schwarzmarkt, nicht auf der Straße, nirgendwo. Jan-Henrik Gruszecki hatte alles versucht. "Ich hätte die Mutter von jemandem entführen können und trotzdem keine Eintrittskarte von ihm im Tausch bekommen", erzählt er. Viele hätten aufgegeben und wären nach Hause gefahren. Gruszecki nicht. Er schlich sich am Tag vor dem Spiel ins Stadion, schloss sich in einer Toilette ein und kam am nächsten Tag zehn Minuten vor dem Anpfiff wieder raus.

Der Weg auf die Tribüne war kein Problem mehr, einen Platz zu finden schon. Denn in Schottland gibt es nur Sitzplätze. Irgendwann in der ersten Halbzeit begannen die Ordner, misstrauisch zu werden. Wer war dieser komische Kerl, der immer wieder den Sitz tauschte? Gruszecki hatte Glück. Er erspähte auf der Tribüne eine Gruppe von 20 Fans, die lieber standen, als zu sitzen, und gesellte sich dazu. Die Gefahr war gebannt.

So durfte er miterleben, wie sich in einer turbulenten Schlussphase aus einem 2:2 in der 88. Minute noch ein 4:4 entwickelte. "Die Nacht auf dem Klo", sagt Gruszecki, "hat sich also durchaus gelohnt." Auch wenn er weiß: Nicht zur Nachahmung empfohlen, zum Vorbild taugt er mit dieser Aktion nicht.

"Irgendwann möchte ich in jedem Land ein Spiel gesehen haben"

Jan-Henrik Gruszecki, vor 28 Jahren im ostwestfälischen Enger geboren, hat schon viele verrückte, bunte, interessante Fußballgeschichten erlebt. Er gehört auch zu einer verrückten, bunten, interessanten Sorte Fan. Gruszecki ist Groundhopper, das heißt, er sammelt Spiel- und Stadienbesuche. Von Argentinien bis Andorra, von Brasilien bis Belgien, von Spanien bis Südafrika. Quer über den Globus verteilt, bevorzugt Südamerika. Ob 1. Liga oder Amateurfußball, ob weltweit bekannte Derbys oder absurde Kicks in tiefster Provinz. "Irgendwann möchte ich gerne in jedem Land der Welt mindestens ein Fußballspiel gesehen haben", sagt Gruszecki.

Gruszeckis Lieblingsstadion: Estadio Tomás Adolfo Ducó in Buenos Aires  © privat
Gruszeckis Lieblingsstadion: Estadio Tomás Adolfo Ducó in Buenos Aires

Derzeit liegt er bei 56 Ländern. In Südamerika war er überall, Schwarzafrika und Asien sind die weißesten Flecken auf seiner Fußball-Landkarte. Mehr als 600 Stadien hat Gruszecki ingesamt besucht, bei den Spielen hat er aufgehört zu zählen. Seit über zehn Jahren sieht er mindestens 100 Partien jährlich. Besonders aktiv war Gruszecki 2010, als er bei rund 300 Spielen vor Ort war. Er wohnte damals in Buenos Aires. "Das Paradies für Groundhopper", sagt er. 80 Klubs in einer Stadt, jeden Tag Fußball, Fußball. Fußball.

Berufung, Leidenschaft, zum Teil Besessenheit

Der Deutsche hat in Argentinien alle Klubs der professionellen Ligen gesehen. Otto-Normal-Fans staunen, für Groundhopper ist es nichts Besonderes. "Ich bin in der Szene nur ein kleines Licht", sagt Gruszecki. Groundhopping ist mehr als ein Hobby, es ist Berufung, Leidenschaft, zum Teil Besessenheit. Gruszecki erzählt von einem Hopper aus England, der seinen Ground nur zählt, wenn er einen Ball aufs Spielfeld zurückgeköpft hat. Auf der Insel gibt es auch den "Club der 92", in dem nur diejenigen Mitglied werden dürfen, die alle 92 englischen Profiklubs live in deren Stadion gesehen haben.

Vier Jahre hat Gruszecki in Argentinien gelebt, der Heimat seines Kindheitsidols Diego Armando Maradona. Vergangenen April ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Gruszeckis Herz schlägt für Borussia Dortmund, der BVB ist sein Verein, seit er ein kleiner Junge war. Die Initialzündung war 1989 Dortmunds DFB-Pokal-Triumph. Im Stadion sah er die Borussia später zum ersten Mal auf der Bielefelder Alm in der ersten Runde des Pokals.

"Man wird in anderen Ländern Teil der Gesellschaft und Mentalität"

Gruszecki nahm zunächst die klassische Fanentwicklung: Eintritt in den Fanklub, Dauerkarte fürs Westfalenstadion, Auswärtsfahrten. Als Teenager begann Gruszecki, zusätzlich den Amateuren des BVB Besuche abzustatten. Das Ferienticket der Bahn nutzte er, um immer mehr Ziele anzusteuern. Jetzt standen auch Traditionsklubs wie Westfalia Herne auf dem Reiseplan. Erste Abstecher ins benachbarte Ausland folgten, die Trips wurden immer länger. "Es wurde nach und nach eine Sucht", erzählt Gruszecki.

Die Faszination Groundhopping besteht für den 28-Jährigen aus mehr als nur Fußball. "Man wird in anderen Ländern Teil der Gesellschaft und Mentalität, man blickt nicht nur von außen darauf", meint er: "Dies mit der Leidenschaft für den Fußball zu verbinden – es gibt nichts Schöneres. Fußball ist eine Kultur, die man überall auf der Welt findet und versteht."

Groundhopper sind auch Lebenskünstler

Privat und vor allem beruflich bleibt vieles auf der Strecke. Ein Groundhopper wie Grsuzecki ist auch Lebenskünstler. Für seine Passion bringt er viele Opfer. Nächte am Bahnhof oder zwei Wochen am Flughafen, um das schmale Budget zu schonen, gehören schon mal dazu. Um Geld zu verdienen, bietet Gruszecki unter anderem in Buenos Aires Fußball-Stadtführungen an. Keine typische Touristentour mit den gewohnten Sehenswürdigkeiten, sondern eine Fahrt in das Herz des argentinischen Fußballs, bei der Historie geatmet wird.

Das Stadion des Zweitligisten Huracan ist natürlich eine der Stationen. Natürlich, weil es das Lieblingsstadion von Gruszecki ist, "ein alter Prachtbau mit Charme, eine andere Welt". Bei den Derbys schwärmt er für das Stadtduell Racing gegen Independiente.

Sein bisher schönstes, prickelndstes, aufregendstes Spiel erlebte der Ostwestfale aber in Uruguay. CA Penarol gegen Nacional Montevideo. Erster gegen Zweiter. Die beiden erfolgreichsten Klubs der uruguayischen Geschichte. Ein brodelnder, frenetischer, begeisternder Pulk aus knapp 76.000 Menschen im Estadio Centenario, 1930 der Schauplatz des ersten Endspiels um die Fußball-Weltmeisterschaft. Ein Schmelztiegel der Emotionen. Ein mitreißendes 4:1 für Penarol. "An diesem Tag hat alles gestimmt", sagt Jan-Henrik Gruszecki. Auch, dass er die Nacht vor dem Spiel nicht heimlich auf der Stadiontoilette verbringen musste.

[jb]

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